Pionierin in Deutschland: Wie alles begann
Es begann mit einem Moment, den ich bis heute nicht vergessen habe.
Während einer Ringvorlesung zum Thema Arbeit an der Universität Oldenburg referierte Herr Hoff, ein Mitarbeiter des Wissenschaftszentrums Berlin, über eine damals in Deutschland weitgehend unbekannte Arbeitsform: Jobsharing. Er verteilte ein Discussion Paper mit dem Titel: „Job-sharing als arbeitsmarktpolitisches Instrument: Wirkungspotential und arbeitsrechtliche Gestaltung“.
Im Hörsaal hörten manche interessiert zu, andere eher skeptisch, viele gleichgültig. Ich dagegen konnte diesen Gedanken nicht mehr loslassen.
Zwei Menschen teilen sich freiwillig eine qualifizierte Stelle. Verantwortung gemeinsam tragen. Wissen teilen statt Konkurrenzdenken. Was für viele nach einem unrealistischen Experiment klang, fühlte sich für mich nach einer Antwort an — auf Fragen, die mich damals schon beschäftigten und die heute aktueller sind denn je. Damals ahnte ich noch nicht, dass dieser eine Nachmittag im Hörsaal der Beginn einer über 40-jährigen Reise sein würde.
Der erste wissenschaftliche Schritt
Meine erste schriftliche Auseinandersetzung mit Jobsharing entstand im Rahmen eines Projektseminars zur Regionalentwicklung im Nord-West-Raum.
Die Hausarbeit trug den Titel: „Alternative und/oder ergänzende Maßnahmen zur Lösung regionaler Arbeitsmarktungleichheiten“ Schwerpunkt:
„Schätzung neuer Arbeitsplätze durch Jobsharing am Beispiel des Arbeitsamtsbezirks Bremerhaven“ (WS 1983/84)
Doch das reichte mir nicht.
Ich wollte tiefer einsteigen — das Thema aus allen Blickwinkeln beleuchten.
Welche rechtlichen Fragen entstehen?
Welche organisatorischen Voraussetzungen braucht Jobsharing?
Welche Chancen gewinnen Unternehmen dadurch?
Welche gesamtwirtschaftliche Bedeutung hat diese Arbeitsform?
So entstand meine Diplomarbeit: „Jobsharing – rechtliche, einzel- und gesamtwirtschaftliche Aspekte“ (1984)
Forschen ohne Internet — und warum mich das noch mehr faszinierte
Die Recherche war alles andere als einfach. Und das meine ich wörtlich.
Es gab kein Internet.
Keine Suchmaschinen.
Keine digitalen Datenbanken.
Keine KI, die innerhalb von Sekunden Quellen liefert.
Wer damals zu einem Nischenthema forschen wollte, musste sich Informationen Stück für Stück zusammensuchen — mit Geduld, Hartnäckigkeit und oft auch mit Glück. Der größte Teil der relevanten Literatur zu Jobsharing stammte aus den USA, wo diese Arbeitsform Ende der 1960er Jahre entstanden war und sich langsam verbreitete. In Deutschland war das Thema kaum dokumentiert.
Viele Bücher und wissenschaftliche Aufsätze standen nicht einmal in der Bibliothek der Universität Oldenburg. Ich musste sie per Fernleihe von anderen Universitäten anfordern — und manchmal wochenlang auf einzelne Veröffentlichungen warten. Rückblickend war genau das vielleicht einer der Gründe, warum mich Jobsharing so tief faszinierte:
Es fühlte sich an wie etwas, das in Deutschland noch niemand wirklich zu Ende gedacht hatte. Wie ein Thema, dessen Potenzial erst langsam sichtbar wurde. Und während ich las, wartete und recherchierte, stellte ich mir Fragen, die in der damaligen deutschen Diskussion kaum jemand stellte:
Warum sollten sich nicht auch qualifizierte Fachkräfte und Führungskräfte Verantwortung teilen können — nicht als Notlösung, sondern als bewusste Entscheidung? Warum mussten berufliche Entwicklung und persönliche Lebensgestaltung eigentlich Gegensätze sein?
Ein Deckblatt als Startpunkt
Das Deckblatt meiner Diplomarbeit — überarbeitet, aber original — hängt heute noch in meiner Erinnerung wie ein Zeuge jener Zeit. Ein Dokument aus einer Ära, in der Jobsharing in Deutschland noch kaum ein Begriff war. Für mich war es der erste greifbare Beweis: Ich hatte etwas zu Papier gebracht, das es in dieser Form noch nicht gab. Die Arbeit wurde noch mit der Schreibmaschine erstellt.
Die unerwartete Bestätigung
Nachdem ich meine Diplomarbeit abgeschlossen und mein Studium der Diplom-Wirtschaftswissenschaften beendet hatte, klingelte immer wieder das Telefon. Das Prüfungsamt der Universität Oldenburg fragte an, ob andere Studierende meine Diplomarbeit einsehen dürften. Damals erschien mir das fast selbstverständlich. Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, was dieser Moment eigentlich bedeutete:
In einer Zeit, in der Jobsharing in Deutschland kaum bekannt war, hatte ich eine der frühen wissenschaftlichen Arbeiten zu diesem Thema geschrieben.
Eine Arbeit, die gelesen werden wollte.
Eine Arbeit, die Interesse weckte.
Eine Arbeit, die erste Diskussionen anstieß. Das war 1984.
Und ich ahnte damals noch nicht, dass dies erst der Anfang war.
Diplomarbeit

Was als Nächstes kam
Meine Diplomarbeit öffnete Türen — und stellte zugleich neue Fragen.
Wenn Jobsharing in Deutschland noch so unbekannt war:
– Wo lagen eigentlich die Wurzeln dieser Arbeitsform?
– Wer hatte sie entwickelt?
– Und welche praktischen Erfahrungen gab es bereits — jenseits des Atlantiks?
Im nächsten Teil meiner Reihe gehe ich einen Schritt zurück und zeige, wo Jobsharing wirklich begann:
nicht in Deutschland, nicht in der Schweiz — sondern in Kalifornien.
→ Teil 2: Die Wurzeln — Jobsharing kommt aus den USA