Die Wurzeln: Jobsharing kommt aus Kalifornien
Bevor ich mehr von meiner eigenen Reise erzähle, möchte ich einen Schritt zurückgehen — an einen Ort, an dem diese Geschichte lange vor meiner Studienzeit begann. Die Entstehung von Jobsharing.
Nicht in Deutschland. Nicht in der Schweiz. Sondern an die Westküste der USA.
Genauer gesagt: nach Kalifornien.

Als ich in den frühen 1980er Jahren für meine Diplomarbeit recherchierte — ohne Internet, ohne Datenbanken, mit wochenlangen Wartezeiten auf Fernleihen aus anderen Universitäten — führte mich die Spurensuche immer wieder über den Atlantik. Die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Praxisberichte und frühen Erfahrungen kamen aus den USA. Dort schien man bereits Fragen zu diskutieren, die in Deutschland kaum gestellt wurden.
Wo aber begann diese Geschichte wirklich?
Die Antwort führte mich überraschend weit zurück.
1937: Ein fast vergessener Versuch in einer Dosenfabrik
Es ist eine Geschichte, die leicht übersehen werden kann — und die mich bei meiner Recherche trotzdem nicht losließ.
In einer Dosenfabrik in Carmel, Kalifornien, bat ein Mann namens Gaylord Nelsen im Jahr 1937, seinen Vollzeitarbeitsplatz mit einem anderen Beschäftigten zu teilen. Heute würden wir das sofort als Jobsharing erkennen. Damals war diese Idee ihrer Zeit weit voraus. Dies sind die Wurzeln von Jobsharing.
Die Anfrage wurde abgelehnt.
Warum? Das weiß heute niemand mehr genau. Vielleicht passte die Vorstellung gemeinsamer Verantwortung einfach nicht in die Arbeitswelt der 1930er Jahre — eine Zeit, in der ein Arbeitsplatz für die meisten Menschen unteilbar war. Vielleicht fehlte auch schlicht die organisatorische Vorstellungskraft.
Fest steht: Die Idee war da. Aber die Zeit war noch nicht reif.
Fast drei Jahrzehnte sollte es dauern, bis daraus mehr wurde.
Ende der 1960er Jahre: Eine Generation denkt Arbeit neu
Als ich diese Entwicklung während meiner Recherche verfolgte, verstand ich schnell: Jobsharing ist kein Konzept, das irgendwann in einem Beraterbüro entworfen wurde. Es entstand aus dem Leben heraus. Ende der 1960er Jahre begann sich in Kalifornien gesellschaftlich vieles zu verändern. Neue Lebensentwürfe entstanden, traditionelle Rollenbilder wurden hinterfragt — und auch die Arbeitswelt blieb davon nicht unberührt. Einige junge Arbeitnehmerinnen entwickelten eine Antwort auf eine Frage, die viele von ihnen beschäftigte: Sie wollten qualifiziert arbeiten — aber nicht im klassischen Vollzeitmodell.
Und das ist ein entscheidender Punkt, den ich damals wie heute für wichtig halte: Es ging nicht um Arbeitslosigkeit. Nicht um fehlende Stellen. Nicht um eine Notlösung. Es war eine bewusste Entscheidung für eine andere Form des Arbeitens. Mehr Gestaltungsspielraum. Mehr Flexibilität. Mehr Vereinbarkeit zwischen Beruf und persönlichem Leben. Ihre Antwort: Eine Stelle. Zwei Personen. Gemeinsame Verantwortung.
Damit entstand die Grundlage dessen, was wir heute als modernes Jobsharing kennen.
Ein Begriff nimmt Form an
Was mich bei meiner Recherche besonders beschäftigte, war die Frage: Ab wann wurde aus einer gelebten Praxis ein definiertes Konzept? Die Antwort fand ich bei dem Forscher Olmsted. Er verwendete 1977 erstmals ausdrücklich den Begriff „Job Sharing“ — und seine Definition war präzise:
„a voluntary work arrangement in which two people hold responsibility for what was formerly one full-time position.“
Freiwillig. Gemeinsame Verantwortung. Eine frühere Vollzeitstelle.
Ich erinnere mich noch, wie ich diese Zeilen las — per Fernleihe, irgendwo zwischen Wartezeit und Bibliotheksgeruch. Was mich daran festhielt, war nicht die akademische Definition an sich. Es war das Wort voluntary — freiwillig. Jobsharing war keine Notmaßnahme, keine Arbeitszeitverkürzung von oben. Es war eine bewusste Entscheidung von Menschen, die Arbeit anders gestalten wollten.
1979 präzisierte Olmsted weiter: two people sharing the responsibility of one full-time position with salary and fringe benefits pro-rated. – Zwei Personen teilen sich die Verantwortung einer Vollzeitposition — einschließlich anteiligem Gehalt und Sozialleistungen.
Damit war ein Gedanke in Worte gefasst, der mich bis heute begleitet: Jobsharing bedeutet nicht einfach „weniger arbeiten“. Es geht um geteilte Verantwortung, gemeinsames Wissen und eine neue Form professioneller Zusammenarbeit.
Warum die USA weiter waren — und was das für mich bedeutete
Während Jobsharing in Deutschland später vor allem als arbeitsmarktpolitisches Instrument diskutiert wurde, entwickelte sich die Idee in den USA aus einer anderen Richtung. Der öffentliche Dienst erkannte früh einen praktischen Vorteil: Durch Jobsharing ließen sich qualifizierte Fachkräfte gewinnen und halten — ohne zusätzliche Kostenstrukturen. Ein Gedanke, der erstaunlich modern klingt.
1978 erhielt Jobsharing schließlich auch eine formale Grundlage: Mit dem Part-Time Career Employment Act wurde Jobsharing in der US-Bundesverwaltung offiziell zugelassen. Eine Idee, die in einer Dosenfabrik in Carmel noch abgelehnt worden war, hatte ihren Weg bis in die amerikanische Bundesverwaltung gefunden.
Auch Forschende wie Frease und Zwacki beschrieben Jobsharing damals nicht nur als flexible Arbeitszeitform. Sie verbanden damit konkrete Erwartungen: höhere Produktivität, mehr Motivation, bessere Nutzung von Kompetenzen. Das war neu — und für mich als Studentin, die gerade versuchte, das Thema für Deutschland zu erschließen, gleichzeitig aufregend und frustrierend. Aufregend, weil die Idee so viel mehr trug, als in Deutschland diskutiert wurde. Frustrierend, weil ich spürte: Es wird noch lange dauern, bis dieser Blick auch hierzulande ankommt.
Was mich an dieser Geschichte bis heute bewegt
Als ich damals Seite um Seite dieser amerikanischen Forschung las, wurde mir etwas klar, das ich seitdem nicht mehr losgeworden bin: Jobsharing war nie einfach nur ein Arbeitszeitmodell.
Schon seine Ursprünge erzählten von größeren Fragen: Wie wollen Menschen arbeiten? Wie lässt sich Verantwortung teilen — nicht als Schwäche, sondern als Stärke? Und warum sollte beruflicher Erfolg zwingend an ein einziges Vollzeitmodell gebunden sein?
Genau diese Fragen begleiteten meine eigene Arbeit — damals und bis heute.
Was als nächstes kam
Theorie war das eine. Aber funktionierte Jobsharing in der Praxis überhaupt? Die USA hatten in den 1970er Jahren bereits erste systematische Untersuchungen durchgeführt. Was dabei herauskam, hat mich damals überrascht — und tut es noch heute.
Im nächsten Teil zeige ich, was die erste große Jobsharing-Studie aus San Francisco ergab — und warum die Ergebnisse vieles auf den Kopf stellten, was man damals über Teilzeitarbeit dachte.
→ Teil 3: Erste Ergebnisse — Was die Praxis in den USA zeigte