Die ersten Aktivitäten – Europa vernetzt sich

Es war ein unscheinbarer Umschlag, der eines Morgens Anfang 1988 in meinem Briefkasten lag – abgestempelt in Athen. Ich erinnere mich noch genau, wie ich ihn öffnete: ein handgeschriebener Brief von Theophile, der von unserer Vereinsgründung gehört hatte und wissen wollte, wie die Zusammenarbeit organisiert werden sollte. Ob man in jedem Land einen eigenen Verein brauche. Ob es vielleicht auch einfachere Wege gäbe.

Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Mit der Eintragung von EURO-TZA e.V. Anfang 1988 hatte die eigentliche Arbeit erst begonnen. Der Verein war offiziell gegründet, als gemeinnützig anerkannt, der Vorstand stand. Aber ein europäisches Netzwerk entsteht nicht durch Paragrafen – es entsteht durch Menschen, die einander finden.

Keine Vereine – sondern Verbindungen

Aus Irland, Italien und anderen Ländern trafen nach und nach Anfragen ein. Und schnell zeigte sich: Eine Vereinsgründung war nicht überall sinnvoll – nicht rechtlich, nicht praktisch. Stattdessen entstand die Idee nationaler Arbeitsgruppen. So bildeten sich Schritt für Schritt Jobsharing Working Groups, die eng mit EURO-TZA e.V. zusammenarbeiteten und die Grundlage unserer europäischen Kooperation bildeten.

Was heute selbstverständlich klingt, war damals eine enorme Herausforderung. Alle Beteiligten – in Deutschland wie in den Partnerländern – gingen einer regulären Berufstätigkeit nach und engagierten sich zusätzlich in ihrer Freizeit. Ehrenamtlich, ohne Budget, ohne Infrastruktur. Und ohne Internet.

Ein gemeinsamer Fragen- und Arbeitskatalog

Damit wir die Situation in den einzelnen Ländern überhaupt vergleichen konnten, entwickelte der Vorstand einen einheitlichen Fragen- und Arbeitskatalog. Uns interessierte, welche gesetzlichen Regelungen zur Teilzeitarbeit existierten, ob der Begriff Jobsharing bereits bekannt war oder ähnliche Modelle unter anderen Namen praktiziert wurden. Wir fragten nach Unternehmen, die Teilzeitarbeit bereits einsetzten, nach wissenschaftlichen Erkenntnissen, nach Arbeitsmarktstatistiken und Presseberichten, nach der Haltung von Arbeitgebern und Gewerkschaften – und danach, ob es Menschen oder Institutionen gab, die sich mit diesem Thema bereits intensiv beschäftigten.

Viele dieser Informationen mussten mühsam recherchiert werden. Wochenlang warteten wir auf Antworten. Manche Briefe enthielten umfangreiche Materialien, andere nur wenige Hinweise. In einigen Ländern war es ausgesprochen schwierig, überhaupt etwas in Erfahrung zu bringen. Und doch entstand, Brief für Brief, ein erstes europäisches Bild der Teilzeitarbeit – fragmentarisch, aber real.

Den Verein bekannt machen

Parallel zur inhaltlichen Arbeit musste EURO-TZA e.V. selbst sichtbarer werden. Wir schalteten Anzeigen in verschiedenen regionalen und überregionalen Zeitungen – um auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen, neue Mitglieder zu gewinnen und um Fördermittel sowie Spenden einzuwerben. Jede dieser Anzeigen war eine kleine Botschaft: Dieses Thema existiert. Wir existieren. Und wir meinen es ernst.

[Abbildung: Zeitungsanzeige EURO-TZA e.V., 1988]

Die Idee eines europäischen Forschungsprojekts

Schon vor der offiziellen Vereinsgründung beschäftigte uns eine weitergehende Frage: Wie konnte man Jobsharing nicht nur fördern, sondern auch wissenschaftlich fundieren? Die Antwort, die André und ich entwickelten, war ein gemeinsames europäisches Forschungsprojekt.

André kam dafür eigens aus den Niederlanden nach Oldenburg. Wie so oft trafen wir uns in der Bibliothek der Universität – unserem damaligen Arbeitsort für intensive Diskussionen, irgendwo zwischen Fachliteratur und Zukunftsplänen. Gemeinsam skizzierten wir die inhaltlichen Schwerpunkte eines europäischen Projektantrags: Zunächst sollten die Bundesrepublik Deutschland und die Niederlande gemeinsam starten, perspektivisch offen für alle europäischen Länder, in denen sich Partner fanden.

Das Ziel war klar: europaweite Forschungs- und Entwicklungsprojekte zur Teilzeitarbeit anstoßen, wissenschaftlich begleiten und die Ergebnisse Unternehmen sowie politischen Entscheidungsträgern zur Verfügung stellen. Aus unseren Gesprächen entstand eine erste Projektstruktur mit mehreren Arbeitspaketen – von einer europaweiten Datenbank über Arbeitsmarktforschung und Kostenmodelle bis hin zu Unternehmensbefragungen, Pilotprojekten und Analysen volkswirtschaftlicher Auswirkungen. Rückblickend war dieses Konzept seiner Zeit weit voraus.

[Abbildung: Auszug aus dem ersten Entwurf unseres europäischen EPA-Projekts (1987/1988). Bereits damals planten wir eine europaweite Datenbank, wissenschaftliche Forschung, Pilotprojekte zum Jobsharing und die Untersuchung volkswirtschaftlicher Auswirkungen neuer Arbeitszeitmodelle.

Besuch an der Universität Nijmegen

Im Gegenzug reiste ich in die Niederlande, an die Universität Nijmegen, wo André tätig war. An diesem Treffen nahm auch Lei Delsen teil, ein niederländischer Wirtschaftswissenschaftler und Arbeitsmarktexperte, der sich bereits intensiv mit Teilzeitarbeit beschäftigt hatte. Gemeinsam diskutierten wir die wissenschaftliche Ausrichtung des Projekts, die einzelnen Arbeitspakete und die Frage, wie weitere europäische Länder eingebunden werden könnten.

Es war kein akademisches Seminar. Es war eine Werkstatt. Drei Menschen, die wussten, dass das, woran sie arbeiteten, wichtig war – und die noch nicht wussten, wie weit es sie führen würde.

Wenige Monate später erhielt ich ein offizielles Schreiben der Katholischen Universität Nijmegen. Lei Delsen bestätigte darin die Zusammenarbeit und beschrieb das gemeinsame Ziel: die Entwicklung eines ersten europäischen Forschungsprojekts zur Teilzeitarbeit, ausdrücklich offen für weitere Partnerländer. Gleichzeitig erwähnte das Schreiben die Gründung von EURO-TZA als europäische Kooperation zur Förderung neuer Formen der Teilzeitarbeit.

[Abbildung: Bestätigung der Zusammenarbeit durch die Katholische Universität Nijmegen (7. September 1988). Das Schreiben dokumentiert die gemeinsame Entwicklung eines europäischen Forschungsprojekts zur Teilzeitarbeit und erwähnt die Gründung von EURO-TZA als europäische Kooperation.

Dieses Schreiben liegt noch heute in meinen Unterlagen. Es ist mehr als ein Dokument der Zusammenarbeit – es ist ein Beleg dafür, dass das, was in Oldenburg und Luxemburg begonnen hatte, in Europa angekommen war. Brief für Brief, Treffen für Treffen, Land für Land.

Meine Reise mit Jobsharing Marie-Therese Herbers

Teil 1 Jobsharing Pionierin Deutschland

Teil 2 Die Wurzeln von Jobsharing

Teil 3 Erste Jobsharing Erfahrungen

Teil 4 Jobsharing Europa Robert Schuman Stipendium

Teil 5 Von Luxemburg nach Maastricht

Teil 6 Die Gründung der EURO-TZA e.V. – von der Idee zum Verein

Teil 7 Ein europäisches Netzwerk entsteht: Erste Briefe

Teil 8 Die ersten Aktivtitäten – Europa vernetzt sich