Die ersten Schritte zur europäischen Kooperation (EURO-TZA)

Als mein Robert-Schuman-Stipendium beim Europäischen Parlament in Luxemburg 1987 zu Ende ging, hatte ich vor allem eines gewonnen: eine europäische Perspektive auf die Arbeitswelt.

Während meiner Zeit in Luxemburg war mir bewusst geworden, dass die Herausforderungen rund um Teilzeitarbeit und Jobsharing kein deutsches Phänomen waren. In vielen europäischen Ländern suchten Wissenschaftlerinnen, Unternehmen, Verbände und politische Institutionen nach neuen Wegen, Arbeit flexibler zu gestalten – und gleichzeitig Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Jedes Land auf seine Weise, mit seinen eigenen Mitteln.

Mir wurde immer klarer: Wenn Jobsharing in Europa eine Zukunft haben sollte, brauchte es mehr als einzelne Forschungsarbeiten. Es brauchte Menschen, die Wissen austauschen, Erfahrungen sammeln und voneinander lernen. Eine Plattform. Ein Netzwerk.

Die Frage war nur: Wer sollte es aufbauen?

Von Luxemburg nach Düsseldorf – und weiter

Nach meinem Aufenthalt in Luxemburg blieb ich zunächst einige Zeit bei Dagmar in Düsseldorf. Wir hatten uns während unserer gemeinsamen Zeit beim Europäischen Parlament kennengelernt – sie war dort als Visiteur im Bereich Rechtswissenschaften tätig gewesen. Es war schön, nach dem intensiven Jahr in Luxemburg erst einmal innezuhalten und die Gedanken zu sortieren.

Doch das Thema Jobsharing ließ mich nicht ruhen. Und so begann von Düsseldorf aus eine Reise, die rückblickend ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur späteren Gründung von EURO-TZA e.V. werden sollte.

Maastricht: Das erste internationale Forschungsgespräch

Mein niederländischer Freund André, der ebenfalls als Stagiaire beim Europäischen Parlament tätig gewesen war, hatte großes Interesse an meinem Jobsharing-Projekt entwickelt. Er war von der Idee begeistert und half mir, Kontakte zu Wissenschaftlern in den Niederlanden aufzubauen. Gemeinsam fuhren wir nach Maastricht.

Dort hatte André einen Termin mit zwei Wissenschaftlern vereinbart: Prof. Dr. J.A.M. Heijke, Direktor der Forschungsabteilung am Institut für Wirtschaftswissenschaften, sowie Dr. C. de Neubourg vom Limburg Institute for Business and Economic Research der Maastricht University.

Für mich war dieses Treffen etwas Besonderes. Zum ersten Mal diskutierte ich meine Ideen zur qualifizierten Teilzeitarbeit und zum Jobsharing mit Forschern außerhalb Deutschlands. Wir sprachen über Arbeitsmärkte, Beschäftigungspolitik und die Frage, welche Rolle innovative Arbeitszeitmodelle in Europa künftig spielen könnten. Und ich merkte: Das Interesse war echt. Die Fragen, die mich umtrieben, umtrieben auch andere.

Heute erscheint ein solches Treffen selbstverständlich. Damals war es das keineswegs. Es gab kein Internet, keine Videokonferenzen, keine sozialen Netzwerke. Wer internationale Kontakte aufbauen wollte, musste reisen, Briefe schreiben, telefonieren und persönliche Gespräche führen. Genau deshalb waren diese Begegnungen so wertvoll – und genau deshalb blieben sie in Erinnerung.

Die ersten Unterstützer

Maastricht blieb nicht die einzige Station. In den folgenden Monaten nahm ich Kontakt zu weiteren Wissenschaftlerinnen, Institutionen und Organisationen auf – darunter das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg und dessen Präsidenten Herrn Franke.

Mich interessierte vor allem die Frage, wie neue Formen der Teilzeitarbeit wissenschaftlich begleitet und dokumentiert werden könnten. Denn je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto deutlicher wurde: Es gab viele Einzelinitiativen, aber kaum Vernetzung. Viele Menschen arbeiteten an ähnlichen Fragestellungen – oft ohne voneinander zu wissen.

Ein wichtiges Gespräch in Köln

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Reise nach Köln am 27. Mai 1987. Dr. Fritz-Jürgen Kador, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, hatte mich zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Auch Frau Dr. Müller-Hagen, die sich intensiv mit Fragen der Teilzeitarbeit beschäftigte, nahm daran teil.

Für mich war diese Einladung eine große Anerkennung. Sie zeigte, dass das Thema Jobsharing inzwischen auch bei wichtigen Akteuren der Arbeitswelt Aufmerksamkeit gefunden hatte – und dass meine Arbeit wahrgenommen wurde.

Im Mittelpunkt unseres Gesprächs stand die Frage, wie mein Vorhaben unterstützt werden könnte. Wir diskutierten darüber, wie Arbeitgeberverbände auf das Thema aufmerksam gemacht werden könnten und wie sich Informationen über bereits praktizierte Jobsharing-Modelle systematisch erfassen ließen. Geplant waren Befragungen, Interviews und die Sammlung von Praxisbeispielen.

Eines wurde an diesem Tag sehr deutlich: Es fehlte nicht an Interesse. Es fehlte an Informationen, Erfahrungen und Kontakten. Genau das wollte ich ändern.

Die Idee einer europäischen Kooperation

Je mehr Gespräche ich führte, desto stärker wuchs in mir eine Überzeugung: Jobsharing und qualifizierte Teilzeitarbeit brauchten eine gemeinsame Plattform. Nicht nur in Deutschland – in Europa.

Diese Idee hatte ich schon während meiner Zeit beim Europäischen Parlament mit den anderen Stagiaires und Visiteurs besprochen. Wir hatten gesehen, wie unterschiedlich die Länder mit flexiblen Arbeitsformen umgingen – und wie viel jedes Land vom anderen lernen könnte, wenn es nur einen Ort gäbe, an dem dieses Wissen zusammenfließt.

Irgendwann im Laufe dieser Monate wurde aus dem Gedanken ein Entschluss. Es reichte nicht, darüber zu reden. Es musste etwas entstehen, das über einzelne Gespräche und Begegnungen hinausging. Etwas, dem sich Aktivitäten aus verschiedenen europäischen Ländern anschließen konnten – für einen echten, dauerhaften Erfahrungsaustausch.

Aus dieser Überzeugung entstand im November 1987 schließlich die EURO-TZA e.V. – die Europäische Kooperation zur Förderung neuer Formen der Teilzeitarbeit.

Was als Forschungsinteresse begonnen hatte, entwickelte sich Schritt für Schritt zu einem europäischen Netzwerk. Und ich mittendrin – nicht mehr nur als Forscherin, sondern als Gründerin.

Meine Reise mit Jobsharing – Marie-Therese Herbers

Teil 1 Jobsharing Pionierin Deutschland

Teil 2 Die Wurzeln von Jobsharing

Teil 3 Erste Jobsharing Erfahrungen

Teil 4 Jobsharing Europa Robert Schuman Stipendium

Teil 6: Die Gründung von EURO-TZA e.V. – Wie ein Netzwerk entsteht, das es noch nicht gibt. Europas erstes Netzwerk für Jobsharing und neue Formen der Teilzeitarbeit