Der Teilzeitstellenmarkt in Deutschland – Auf der Suche nach qualifizierter Teilzeitarbeit
Nachdem wir begonnen hatten, Literatur und Forschungsergebnisse zur Teilzeitarbeit zusammenzutragen, interessierte uns eine weitere Frage: Wie sah der Teilzeitstellenmarkt in Deutschland tatsächlich aus? Welche Teilzeitstellen boten Unternehmen an? Gab es bereits qualifizierte Teilzeitpositionen? Wurden Führungsaufgaben auch in Teilzeit ausgeschrieben? Und spielte Jobsharing auf dem Arbeitsmarkt überhaupt eine Rolle?
Diese Fragen ließen sich damals nicht mit wenigen Mausklicks beantworten. Es gab keine Online-Stellenbörsen und keine digitalen Datenbanken. Wer den Arbeitsmarkt analysieren wollte, musste Woche für Woche die Stellenanzeigen in den Zeitungen auswerten.
Viele unserer damaligen Recherchen speicherten wir auf Disketten. Leider sind diese im Laufe der Jahre verloren gegangen und wären heute vermutlich ohnehin nicht mehr lesbar. Zum Glück konnte ich auf eine andere Quelle zurückgreifen. Als Gründerin und Vorsitzende von EURO-TZA e.V. – Europäische Kooperation zur Förderung neuer Formen der Teilzeitarbeit – führte ich Anfang der 1990er Jahre umfangreiche Analysen des deutschen Teilzeitstellenmarktes durch. Die Ergebnisse veröffentlichte ich später in meinem Fachbuch „Qualifizierte Teilzeitarbeit – Teilzeitstellenanalyse“, das im Shaker Verlag erschien.

Teilzeitarbeit auf dem Vormarsch
Bereits seit den 1960er Jahren hatte sich der Teilzeitarbeitsmarkt kontinuierlich entwickelt. Zwischen 1960 und 1994 stieg die Zahl der abhängig Beschäftigten um rund 5,5 Millionen Personen. Bemerkenswert ist, dass allein rund vier Millionen zusätzliche Arbeitsplätze auf den Ausbau der Teilzeitbeschäftigung entfielen. Die Teilzeitquote erhöhte sich in diesem Zeitraum von etwa 3 Prozent auf nahezu 18 Prozent.
Vor allem angesichts steigender Arbeitslosenzahlen versuchte die Bundesregierung in den 1990er Jahren, neue Arbeitszeitmodelle stärker zu fördern. So entstand die bundesweite Informationskampagne „Teilzeit hilft“. Unternehmen konnten sich telefonisch beraten lassen und Informationen über flexible Arbeitszeitmodelle erhalten – etwa zu Fragen wie: „Lohnt sich die Einführung von Teilzeitarbeit für Ihr Unternehmen?“ Arbeitszeit-Expert:innen standen für die individuelle Beratung bereit.
Auch der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) sprach sich für finanzielle Anreize aus. Unternehmen, Beschäftigte und Arbeitslose sollten durch Prämien motiviert werden, Teilzeitarbeit stärker zu nutzen: Wer von einem Vollzeit- auf einen Teilzeitarbeitsplatz wechselte, sollte ebenso 3.000 Mark erhalten wie Arbeitslose, die auf Arbeitslosengeld oder -hilfe verzichteten und einen Teilzeitjob annahmen.
Einige Jahre später warb das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung unter dem Stichwort „Mobilzeit“ – Teilzeit war gestern, Mobilzeit war angesagt. Auch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unterstützte im Rahmen des Modellprojekts „Mobilzeit für Fach- und Führungskräfte“ Unternehmen bei der Einführung neuer Arbeitszeitmodelle. Teilzeitarbeit hatte – zu Unrecht – für viele einen negativen Klang. Ausschlaggebend für den Begriff der Mobilzeit erschien vor allem die Tatsache, dass etwa VW 1994 die 28,8-Stunden-Woche für alle Beschäftigten einführte, also auch für Männer.
Unsere eigene Stellenmarktanalyse
Uns interessierten jedoch nicht nur politische Programme. Wir wollten wissen, was tatsächlich auf dem Arbeitsmarkt geschah. Wie viele qualifizierte Teilzeitstellen wurden überhaupt ausgeschrieben? Welche Berufsgruppen profitierten davon? Gab es bereits Führungspositionen in Teilzeit? Und fanden sich erste Jobsharing-Angebote?
Deshalb analysierten wir zunächst die Stellenanzeigen der Frankfurter Rundschau (FR) und der Süddeutschen Zeitung (SZ) für das Jahr 1991. Fünf Jahre später wiederholten wir die Untersuchung für das Jahr 1996 und nahmen zusätzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Zeit in die Analyse auf. Insgesamt werteten wir rund 15.000 Stellenanzeigen aus.
Wann ist eine Teilzeitstelle eigentlich qualifiziert?
Nicht jede Teilzeitstelle erfüllte unsere Anforderungen. Deshalb entwickelten wir vier Bewertungskriterien: Eine qualifizierte Teilzeitstelle musste sozialversicherungspflichtig sein, ein entsprechendes Anforderungsprofil besitzen, eigenverantwortliche Aufgaben umfassen und eine leistungsgerechte Vergütung beziehungsweise Fortbildungsmöglichkeiten bieten.
Dabei unterschieden wir zusätzlich zwischen qualifizierter und hochqualifizierter Teilzeitarbeit. Während qualifizierte Teilzeit eine abgeschlossene Berufsausbildung voraussetzte, gehörten zur hochqualifizierten Teilzeit Tätigkeiten mit Fach- oder Hochschulabschluss – einschließlich Führungspositionen.
Erste Ergebnisse
Unsere Untersuchung zeigte zunächst, dass sich nahezu alle ausgeschriebenen Teilzeitstellen auf den Dienstleistungsbereich konzentrierten. Gleichzeitig wurde deutlich, dass qualifizierte Teilzeitangebote zwischen 1991 und 1996 spürbar zurückgingen. Besonders betroffen waren Berufe wie Bürofachkräfte, Rechnungskaufleute, Arzthelfer:innen und Erzieher:innen. Gerade in diesen Bereichen nahm gleichzeitig die geringfügige Beschäftigung stark zu.
Teilzeitbeschäftigte im Bundesgebiet

Dienstleistungsberufe in der FR und SZ

Entwicklung des hochqualifizierten Teilzeitangebots
Besonders gespannt war ich auf die Frage, ob sich qualifizierte Fach- und Führungspositionen überhaupt in Teilzeit finden ließen. Anfang der 1990er Jahre galt Teilzeitarbeit vielfach noch als Beschäftigungsform für einfache Tätigkeiten oder geringfügige Beschäftigungen. Qualifizierte Teilzeitstellen waren dagegen eher die Ausnahme.
Unsere Untersuchung zeigte jedoch eine interessante Entwicklung. Für das Jahr 1991 konnten in der Frankfurter Rundschau und der Süddeutschen Zeitung insgesamt 108 hochqualifizierte Teilzeitpositionen erfasst werden. Fünf Jahre später, im Jahr 1996, waren es bereits 496 Stellen.
Dieses Ergebnis überraschte uns: Während die Zahl der insgesamt ausgeschriebenen qualifizierten Teilzeitstellen zurückging, entwickelte sich der Bereich der hochqualifizierten Teilzeitarbeit erfreulich positiv.
Für die Analyse des Jahres 1996 werteten wir zusätzlich die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) sowie die Wochenzeitung Die Zeit aus. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in der Zeit zahlreiche Teilzeitangebote für wissenschaftliche Mitarbeiter:innen sowie Doktorand:innen veröffentlicht wurden.
Hochqualifizierte Teilzeitarbeit nach Berufsordnungen und Berufsklassen

Tabelle „Hochqualifizierte Teilzeitarbeit nach Berufsordnungen und Berufsklassen“ aus meinem Buch
Diese Ergebnisse zeigten bereits Mitte der 1990er Jahre, dass qualifizierte Teilzeitarbeit zunehmend auch für Akademiker:innen sowie für anspruchsvolle Fachaufgaben interessant wurde – eine Entwicklung, die sich in den folgenden Jahrzehnten weiter fortsetzen sollte.


Darstellung einiger Teilzeitangebote von damals, entnommen aus meinem Fachbuch
Wie sieht der Teilzeitarbeitsmarkt heute aus?
Mehr als drei Jahrzehnte später hat sich der Arbeitsmarkt grundlegend verändert.

Die Teilzeitbeschäftigung ist heute ein selbstverständlicher Bestandteil des deutschen Arbeitsmarktes. Im Jahr 2025 arbeiteten 31,9 Prozent aller abhängig Beschäftigten in Teilzeit. Besonders deutlich zeigen sich dabei nach wie vor Unterschiede zwischen Frauen und Männern.
Während 50,6 Prozent der Frauen einer Teilzeitbeschäftigung nachgingen, lag die Teilzeitquote der Männer bei 14,3 Prozent. Für beide Gruppen bedeutet dies den höchsten bisher erreichten Wert. Bemerkenswert ist insbesondere die Entwicklung bei den Männern: Ihre Teilzeitquote stieg von 11,2 Prozent im Jahr 2015 auf 14,3 Prozent im Jahr 2025 deutlich an.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Einerseits wünschen sich viele Beschäftigte heute eine bessere Vereinbarkeit von Beruf, Familie und Privatleben. Andererseits stehen Unternehmen zunehmend vor der Herausforderung, qualifizierte Fachkräfte überhaupt noch gewinnen zu können.Bereits der DIHK-Fachkräftereport 2022 zeigte, dass mehr als die Hälfte aller Unternehmen offene Stellen langfristig nicht besetzen kann, weil geeignete Fach- und Führungskräfte fehlen. Dennoch schreiben noch immer viele Unternehmen ihre Stellen ausschließlich in Vollzeit aus. Dadurch verzichten sie auf Bewerber:innen, die bewusst nach flexibleren Arbeitszeitmodellen suchen.
Hinzu kommt der demografische Wandel: In den kommenden Jahren werden zahlreiche Babyboomer in den Ruhestand gehen und den Fachkräftemangel weiter verschärfen.
Auch die Erwartungen der Beschäftigten haben sich verändert. Flexible Arbeitszeiten, Familienfreundlichkeit und eine gute Work-Life-Balance gehören heute zu den wichtigsten Kriterien bei der Arbeitgeberwahl. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der jüngeren Generation: Rund ein Viertel der unter 30-Jährigen möchte gerne in Teilzeit arbeiten. Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Väter eine partnerschaftliche Aufteilung von Beruf und Familie. Flexible Arbeitszeitmodelle gewinnen dadurch für beide Geschlechter zunehmend an Bedeutung.
Von der Zeitungsanalyse zu den Online-Jobbörsen
Eine erneute Teilzeitstellenanalyse nach dem Vorbild der 1990er Jahre wäre heute kaum noch möglich. Damals erschienen nahezu alle qualifizierten Stellenanzeigen in wenigen überregionalen Tageszeitungen. Heute verteilen sich Stellenangebote auf unzählige Online-Jobbörsen, Karriereplattformen und die Karriereseiten der Unternehmen. Hinzu kommen Business-Netzwerke wie LinkedIn oder XING, auf denen Stellen ebenfalls veröffentlicht werden. Eine vollständige Auswertung des gesamten Stellenmarktes wäre deshalb nur mit erheblichem technischem Aufwand möglich.
Trotz dieser veränderten Rahmenbedingungen lässt sich eine klare Entwicklung erkennen: Qualifizierte Teilzeitarbeit ist heute deutlich stärker verbreitet als noch vor 30 Jahren. Inzwischen finden sich Teilzeitangebote in nahezu allen Qualifikationsstufen – von der qualifizierten Sachbearbeitung über Expert:innenfunktionen bis hin zu Fach- und Führungspositionen. Auch Jobsharing und Topsharing gewinnen zunehmend an Bedeutung: Immer mehr Unternehmen erkennen, dass sich anspruchsvolle Aufgaben und Führungsverantwortung erfolgreich teilen lassen und dadurch neue Bewerbergruppen gewonnen werden können.
Mein persönlicher Rückblick
Wenn ich heute auf unsere ersten Stellenmarktanalysen zurückblicke, wird mir bewusst, wie visionär unsere Arbeit damals war. Schon Anfang der 1990er Jahre suchten wir nach Antworten auf Fragen, die Unternehmen heute mehr denn je beschäftigen: Wie können qualifizierte Fachkräfte gewonnen werden? Welche Arbeitszeitmodelle wünschen sich Beschäftigte? Und wie lassen sich anspruchsvolle Aufgaben auch in Teilzeit erfolgreich gestalten?
Diese Fragen begleiten mich bis heute. Der Unterschied ist lediglich, dass der Arbeitsmarkt inzwischen bereit ist, viele der Ideen aufzugreifen, für die wir damals noch Überzeugungsarbeit leisten mussten.
Und was war eigentlich mit Jobsharing? Auch dazu führten wir eine eigene Auswertung durch – mit Ergebnissen, die mich bis heute nicht loslassen. Wie sich Jobsharing damals und heute auf dem deutschen Stellenmarkt tatsächlich niederschlägt, erzähle ich dir ausführlich im nächsten Teil meiner Reise.