Als aus einer Idee ein europäisches Netzwerk wurde: Die Gründung von EURO-TZA e.V.

Nach meinem Aufenthalt beim Europäischen Parlament in Luxemburg war ich voller Ideen – und voller Fragen. Ich hatte gesehen, wie unterschiedlich die europäischen Länder mit Teilzeitarbeit, Arbeitsmarktpolitik und neuen Formen der Arbeitsorganisation umgingen. Und ich hatte erkannt: Das Interesse an Jobsharing war größer, als ich je gedacht hatte.

Aber Interesse allein reicht nicht aus. Forschung allein auch nicht.

Wenn Jobsharing in Europa bekannter werden sollte, brauchte es Menschen, die Informationen sammeln, Erfahrungen austauschen, Kontakte vermitteln und neue Projekte anstoßen. Eine Plattform für alle, die sich mit qualifizierter Teilzeitarbeit beschäftigten – aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Gewerkschaften. So entstand die Idee eines Vereins.

Zurück in Deutschland – und viele offene Fragen

Heute gründet man einen Verein oft innerhalb weniger Tage. 1987 war das anders. Es gab kein Internet, keine E-Mails, keine sozialen Netzwerke. Wer Menschen für ein gemeinsames Projekt gewinnen wollte, schrieb Briefe, führte Telefongespräche oder reiste persönlich zu Terminen. Genau das tat ich.

Nach meiner Rückkehr aus Luxemburg führte ich zahlreiche Gespräche mit Wissenschaftlern, Institutionen und Personen, die sich für neue Arbeitszeitmodelle interessierten. Im Mittelpunkt standen immer ähnliche Fragen: Welche Ziele sollte ein Verein verfolgen? Wie kann Jobsharing in Deutschland und Europa bekannter werden? Wie lassen sich Forschung und Praxis miteinander verbinden? Und wie kann ein echter europäischer Austausch entstehen?

Je mehr Gespräche wir führten, desto deutlicher wurde: Es ging um weit mehr als nur Jobsharing. Es ging um die Zukunft der Arbeit.

Europäische Kooperation zur Förderung neuer Formen der Teilzeitarbeit e.V. (Job-Slitting, Job-Sharing, Split-level-Sharing, Job-Pairing

Die Satzung – viele Stunden Diskussion für wenige Seiten Papier

Eine der wichtigsten Aufgaben war die Ausarbeitung der Satzung. Heute liegen diese wenigen Seiten vielleicht unscheinbar in einem Ordner. Damals steckte hinter jedem Absatz eine intensive Diskussion. Wir überlegten, welche Aufgaben der Verein übernehmen sollte und welche Ziele langfristig verfolgt werden sollten. Uns war wichtig, dass der Verein nicht nur Informationen sammelt, sondern aktiv etwas bewegt.

Die Förderung neuer Formen der Teilzeitarbeit sollte auf mehreren Ebenen erfolgen: wissenschaftlich, gesellschaftlich, arbeitsmarktpolitisch, organisatorisch – und vor allem europäisch. Schritt für Schritt entstand daraus die Satzung der späteren EURO-TZA e.V.

Ein Brief aus London

Während wir in Oldenburg an Formulierungen feilten, erreichten mich Zeichen, dass Europa bereits mitdachte.

Jo hatte ich während meiner Zeit beim Europäischen Parlament kennengelernt – sie war auch staigiare und eine engagierte Frau aus London, die sich dort ebenfalls mit Fragen der Arbeitsmarktpolitik beschäftigte. Am 21. April 1987 schrieb sie mir einen Brief, den ich bis heute besitze. Er lautete – im Original:

Ich interessiere mich sehr über Jobsharing, aber jetzt heißt es Job-Splitting hier in England. Ich muß Konferenzen über diese Subjekt organisieren. Darf ich die Engländerin sein – hast du gerade jemandem für England gefunden? … Wenn nicht, darf ich helfen? Bitte schreib mir mit Strukturierungen – wenn ich dir helfen kann mit job-sharing...

Ich musste lächeln, als ich diesen Brief las. Und ich lächle noch heute, wenn ich ihn in die Hand nehme. Nicht über Jos Deutsch – sondern über die Energie, die in diesen wenigen Zeilen steckt. Hier war jemand, der nicht warten wollte. Der mitmachen wollte. Der eine Rolle übernehmen wollte.

Solche Briefe bedeuteten mir sehr viel. Sie zeigten, dass die Idee eines europäischen Netzwerks nicht nur in meinem Kopf existierte. Aus Luxemburg waren Kontakte nach Irland, England, Frankreich, Griechenland, Dänemark, Italien, Spanien und in die Niederlande entstanden. Langsam wuchs etwas heran – lange bevor es soziale Medien oder digitale Plattformen gab.

Die offizielle Gründung

Am 29. Oktober 1987 war es schließlich so weit. Auf der Bibliotheksebene der Universität Oldenburg trafen sich neun Gründungsmitglieder:innen, um den Verein EURO-TZA „Europäische Kooperation zur Förderung neuer Formen der Teilzeitarbeit e.V. (Job-Splitting, Job-Sharing, Split-level-Sharing, Job-Pairing)“ offiziell ins Leben zu rufen.

Besonders wichtig war uns die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen und Männern: Zwei Frauen und zwei Männer wurden in den Vorstand gewählt. Für uns war das selbstverständlich – auch wenn es das 1987 in den wenigsten Vereinen und Organisationen war. Schließlich beschäftigten wir uns mit Arbeitsmodellen, die mehr Chancengleichheit ermöglichen sollten. Das musste sich auch in unserer eigenen Struktur widerspiegeln.

Nach der Gründungsversammlung ging es einige Tage später zum Notar Dr. Niewerth, damit der Verein in das Vereinsregister beim Amtsgericht Oldenburg eingetragen werden konnte. Ein weiterer wichtiger Schritt folgte kurz darauf: der Antrag auf Gemeinnützigkeit beim Finanzamt Oldenburg.

Warum die Gemeinnützigkeit so wichtig war

In mehreren Gesprächen mit dem Finanzamt Oldenburg stand eine Frage im Mittelpunkt: Kann ein Verein, der sich mit Jobsharing und neuen Formen der Teilzeitarbeit beschäftigt, als gemeinnützig anerkannt werden?

Das entscheidende Argument war schließlich die Förderung von Forschungsvorhaben. Der Verein sollte wissenschaftliche Arbeiten unterstützen, Informationen sammeln, Veröffentlichungen herausgeben und den Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft fördern. Damit erfüllte er einen Bildungs- und Forschungsauftrag. Die Gemeinnützigkeit wurde anerkannt. Ein wichtiger Meilenstein.

Die Ziele von EURO-TZA e.V.

Bereits in der Satzung formulierten wir eine Vision, die ihrer Zeit weit voraus war. Der Verein sollte Informations- und Kommunikationszentrum für Fragen der qualifizierten Teilzeitarbeit sein, den Austausch zwischen Forschung, Wirtschaft und Gewerkschaften fördern, Forschungsvorhaben unterstützen und Seminare, Kolloquien sowie Publikationen auf den Weg bringen. Geplant waren auch eine Literaturdokumentation, ein Archiv und die aktive Vermittlung von Kontakten zwischen Interessierten, Unternehmen und Institutionen.

Besonders stolz war ich auf einen Satz in der Satzung. Er lautete:

Der europäischen Kooperation sind die Jobsharing-Vereine angeschlossen, die in anderen europäischen Ländern gegründet wurden bzw. noch gegründet werden.

Damit entstand bereits 1987 die Vision eines europäischen Netzwerks für Jobsharing – nicht als Wunsch, sondern als ausformulierter Anspruch.

Der Anfang von etwas Größerem

Als wir die Satzung verabschiedeten und die Gründung vollzogen, konnten wir nicht ahnen, was daraus einmal entstehen würde. Wir hatten kaum einen Etat. Keine Webseite. Keine Datenbank. Keine sozialen Netzwerke.

Aber wir hatten etwas anderes: eine gemeinsame Überzeugung. Die Überzeugung, dass Menschen Arbeit anders organisieren können. Und dass Jobsharing weit mehr ist als eine Arbeitszeitregelung – dass es eine Form der Zusammenarbeit ist, die Wissen teilt, Verantwortung verbindet und neue Möglichkeiten eröffnet.

Mit der Gründung von EURO-TZA e.V. begann für mich ein neues Kapitel. Aus der Forschung wurde Vernetzung. Aus einer Vision wurde eine Organisation. Und aus einem deutschen Projekt entstand Schritt für Schritt ein europäisches Netzwerk.

Meine Reise mit Jobsharing Marie-Therese Herbers

Teil 1 Jobsharing Pionierin Deutschland

Teil 2 Die Wurzeln von Jobsharing

Teil 3 Erste Jobsharing Erfahrungen

Teil 4 Jobsharing Europa Robert Schuman Stipendium

Teil 5 Von Luxemburg nach Maastricht

Teil 7: Die ersten Schritte von EURO-TZA e.V. – Seminare, Kontakte und die Arbeit eines jungen europäischen Netzwerks