Pionierarbeit ohne Internet und Social Media

Mit der Gründung des EURO-TZA e.V. begann für uns die eigentliche Arbeit. Unser Ziel war es, Unternehmen von den Vorteilen der qualifizierten Teilzeitarbeit zu überzeugen und gleichzeitig Arbeitnehmer:innen über neue Arbeitszeitmodelle zu informieren.

Foto vom Büro mit KI nachgestellt

Wir arbeiteten dabei als kleines, engagiertes Team, in dem alle feste Aufgaben übernahmen. Doris und ich bildeten ein Tandem. Während wir Unternehmen gemeinsam ansprachen und Informationsveranstaltungen vorbereiteten, lagen unsere persönlichen Schwerpunkte in unterschiedlichen Bereichen. Doris war insbesondere für Kostenrechnung und Controlling verantwortlich. Ich übernahm die Öffentlichkeitsarbeit und entwickelte Informationsmaterialien sowie Ratgeber zur qualifizierten Teilzeitarbeit. Jörg-Rüdiger und Jürgen kümmerten sich um die finanziellen Angelegenheiten des Vereins. Dazu gehörten die Mitgliederverwaltung, die Buchhaltung sowie die Jahresabschlüsse.

Unterstützung durch regionale Institutionen

Um möglichst viele Unternehmen zu erreichen, baten wir auch regionale Institutionen um Unterstützung. Dazu gehörten unter anderem der Arbeitgeberverband Oldenburg e.V., bei dem ich nach meinem Studium ein Praktikum im Bereich Arbeitsrecht absolviert hatte, sowie das damalige Arbeitsamt.

Unsere Hoffnung war, dass beide Einrichtungen in ihren Rundschreiben auf den neu gegründeten Verein aufmerksam machen würden und so den Kontakt zu interessierten Unternehmen erleichtern könnten.

Informationsarbeit per Brief

Damals gab es weder E-Mail noch soziale Medien. Unsere Öffentlichkeitsarbeit bestand deshalb vor allem aus Briefen, Informationsbroschüren und persönlichen Gesprächen.

Eines dieser Anschreiben ist in meinen Unterlagen erhalten geblieben. Es vermittelt einen guten Eindruck davon, wie wir Unternehmen für das Thema qualifizierte Teilzeitarbeit gewinnen wollten:

Sehr geehrte Unternehmensleitung, sehr geehrte Leitung und Mitarbeiter des Personalwesens,

wir möchten uns Ihnen heute vorstellen als ein Verein zur Förderung der Teilzeitarbeit, der Ihnen in organisatorischen Fragen von Nutzen sein kann. Vermutlich gibt es auch in Ihrem Unternehmen bereits Überlegungen – oder sogar Erfahrungen – hinsichtlich des Einsatzes von Teilzeitarbeit. Dann haben Sie sich sicherlich auch schon Gedanken über die organisatorischen Probleme gemacht, die in diesem Zusammenhang auftreten können …
obwohl diese Form der Arbeitsorganisation für Unternehmer wie Arbeitnehmer unbestreitbare Vorteile hat: So steigen in der Regel Arbeitszufriedenheit und Arbeitsproduktivität, und Arbeitskräfte können, den Unternehmenszielen entsprechend, flexibler eingesetzt werden …
haben wir uns zur Aufgabe gemacht, Unternehmen bei der Planung und Durchführung von Teilzeitarbeit zu beraten.

Unser Schreiben der EURO-TZA e.V. zur Organisation der Teilzeitarbeit

Viele Briefe – ganz unterschiedliche Reaktionen

Heute kann ich nicht mehr sagen, an wie viele Unternehmen wir unsere Informationsschreiben verschickt haben. Sicher ist jedoch, dass wir Betriebe nahezu aller Größenordnungen angeschrieben haben. Die Portokasse wurde dabei ordentlich beansprucht.

Die Reaktionen fielen sehr unterschiedlich aus. Einige Unternehmen begegneten unserem Engagement mit großem Interesse. Sie luden uns zu Gesprächen ein oder ermöglichten Informationsveranstaltungen in ihren Betrieben. Andere reagierten eher zurückhaltend, während ein Teil der angeschriebenen Unternehmen überhaupt nicht antwortete.

Rückblickend war das wenig überraschend. Anfang der 1990er-Jahre war qualifizierte Teilzeitarbeit für viele Unternehmen noch ein weitgehend unbekanntes Thema.

Präsenz auf Messen und Fachveranstaltungen

Neben unserer schriftlichen Öffentlichkeitsarbeit waren wir regelmäßig auf Messen und Fachveranstaltungen vertreten. Besonders in Erinnerung geblieben sind mir zwei Veranstaltungen.


TOP ’91 in Düsseldorf

Die TOP ’91 war die erste große Frauenmesse mit begleitendem Kongress in Deutschland. Sie fand vom 20. bis 23. Juni 1991 auf dem Gelände der Messe Düsseldorf unter den Mottos „Frauen machen Messe + Kongress“ und „Frauen sind Spitze“ statt. Initiatorinnen waren die Helga-Stödter-Stiftung und die Breuninger Stiftung. Für uns bot die Veranstaltung eine hervorragende Gelegenheit, unser Anliegen mit einem Posterstand einem breiten Publikum vorzustellen und zahlreiche neue Kontakte zu knüpfen.

Gleichberechtigungskonferenz in Bonn

Am 1. Dezember 1992 nahmen wir an der dritten bundesweiten Gleichberechtigungskonferenz in Bonn teil. Das Thema lautete: „Flexible Arbeitszeiten – qualifizierte Teilzeitarbeit für Frauen und Männer“ Veranstalter war das Bundesministerium für Frauen und Jugend. Die Eröffnung und Einführung in das Thema übernahm die damalige Bundesministerin für Frauen und Jugend, Dr. Angela Merkel. Die Vorträge waren äußerst interessant und boten zahlreiche Möglichkeiten zum fachlichen Austausch mit den Referent:innen.

Foto des Veranstaltungsprogramms


Der Ratgeber „Teilzeitarbeit – Jetzt!“

Um gezielt auch interessierte Arbeitnehmer:innen zu erreichen, entwickelte ich zusätzlich zur Unternehmensansprache den Ratgeber „Teilzeitarbeit – Jetzt!“.Unter dem Slogan „Informations-Service für qualifizierte Teilzeitarbeit“ sollte die Broschüre praktische Tipps, Hintergrundinformationen und Strategien rund um die flexible Teilzeitarbeit vermitteln.

Ziel war es, Interessierten dabei zu helfen, ihr persönliches Teilzeitkonzept zu entwickeln. Die Broschüre stellte verschiedene Formen der flexiblen und qualifizierten Teilzeitarbeit vor und enthielt zahlreiche praktische Hilfestellungen. So konnten Leser:innen beispielsweise die finanziellen Auswirkungen einer Arbeitszeitreduzierung auf ihre spätere Rente individuell berechnen.

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Öffentlichkeitsarbeit ohne Internet

Heute würde man den Ratgeber vermutlich über eine Website, einen Newsletter, Amazon oder soziale Medien bekannt machen. Anfang der 1990er-Jahre sah die Welt jedoch ganz anders aus. Wir schrieben nahezu alle Frauenzeitschriften in Deutschland sowie zahlreiche Fachzeitschriften und Tageszeitungen an. Tatsächlich berichteten verschiedene Medien über unseren Ratgeber.

Soweit ich mich erinnere, erschienen unter anderem Beiträge in den Frauenzeitschriften freundin, Für Sie und Journal für die Frau. Auch die Süddeutsche Zeitung („Bildung und Beruf“) sowie die Frankfurter Rundschau („Frau und Gesellschaft“) stellten den Ratgeber ihren Leser:innen vor. Für die Zeitschrift Maxi wurde zum Thema Teilzeitarbeitsmarkt einen Artikel verfasst und auf den Ratgeber hingewiesen.

Foto des Berichts in der Frauenzeitschrift Maxi, Januar 1992

Auch die Fachzeitschrift Personalwirtschaft berichtete über die Broschüre und informierte darüber, wie sie bestellt werden konnte.

Darüber hinaus baten mich verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, Fachbeiträge zum Thema qualifizierte Teilzeitarbeit zu verfassen. So erschienen unter anderem Artikel in der Süddeutschen Zeitung, in Die Welt – Berufswelt sowie in Auf dem Weg nach Oben – Frau & Karriere.

Foto vom Artikel in der Zeitung Die Welt Berufswelt 28./29. Dezember 1991

Die Resonanz war überwältigend

Mit einer derart großen Nachfrage hatten wir nicht gerechnet. Bestellt wurde der Ratgeber von Frauen ebenso wie von Unternehmen, Personalabteilungen und weiteren Interessierten aus ganz Deutschland. Als kleines Beispiel zeige ich hier die Bestellung einer Leserin, die durch einen Bericht in der Zeitschrift freundin auf den Ratgeber aufmerksam geworden war.

Damals gab es noch keinen Online-Shop. Wer den Ratgeber bestellen wollte, legte seiner Bestellung einfach einen Verrechnungsscheck bei oder überwies den Betrag auf unser Konto.

An die genaue Zahl der verkauften Exemplare kann ich mich heute leider nicht mehr erinnern. Wir hatten jedoch mehrere tausend Broschüren drucken lassen.

Foto einer Bestellung des Ratgebers; Bericht war in der Frauenzeitschrift freundin

Ein großer Koffer voller Bücher

Den Versand übernahm mein Vater im ehemaligen Elternhaus. Er führte sorgfältig Listen darüber, wer den Ratgeber bestellt und bezahlt hatte – ob per Verrechnungsscheck oder Überweisung. Anschließend verpackte er die Broschüren und machte sich mit einem großen Koffer auf den Weg zur Post, die glücklicherweise nur wenige Häuser entfernt lag.

An einen Satz der Postangestellten kann ich mich noch heute gut erinnern. Als mein Vater wieder einmal mit seinem schweren Koffer erschien, sagte sie schmunzelnd:

Das Geschäft mit den Büchern läuft ja richtig gut.“

Bemerkung einer Postangestellten, Anfang der 1992 er-Jahre

Wenn ich heute daran zurückdenke, muss ich lächeln. Damals war jede einzelne Bestellung Handarbeit – vom Zeitungsausschnitt über den Brief bis hin zum Versand. Gerade deshalb freue ich mich noch heute über die große Resonanz, die unser Ratgeber damals gefunden hat. Solche kleinen persönlichen Erinnerungen sind es, die einen historischen Blogbeitrag lebendig und unverwechselbar machen.